Texte zu Landschaft und Figur

"Mit dem Medium Fotografie überträgt Winfried Melzer den Augenblick einer allgemeinen Gegenwart in die Ewigkeit. Der von ihr berührte Gegenstand offenbart konkret-sinnliche Formen. Landschaft und Figur, als die beliebtesten klassischen Motive, verwandeln sich durch den Künstler - indem der historische Zustand dokumentiert und zugleich aus der Zeit gehoben wird – vom Abbild zum Bild.
Seine Objekte unterliegen dagegen dem ständigen Wandel von Werden und Vergehen, die sich auf der Fotografie zu einer Vielzahl von festgehaltenen Augenblicken verdichten, und vom Künstler ohne Schönung, echt und wahr, durch die subjektive Wahl und meist ohne Bearbeitung zu Kunst umgeformt werden.
Die sorgfältige Teilnahme von W. M. an seinem Motiv ist immer zugleich moralisch, gestützt durch eine Philosopie des Menschlichen. Durch seine Sicht schmiegt sich die uns umgebende Welt wie eine zweite Haut an uns, die uns für die Vielfalt des Lebens sensibilisiert."

Heinz Weißflog

 

Texte zu Seelandschaften

Die Ostsee als Refugium und Ort nordisch-herber Schönheit im Wechsel der Jahreszeiten und des Wetters bietet Raum zu meditativer Betrachtung. Melzer beobachtet die wahrgenommenen Veränderungen über kurze und lange Zeiträume hinweg. Die Dinge ändern sich, wie das Licht das auf sie fällt. Wasser und Luft unmittelbar am Strand bringen das Licht zum Schwingen. Dünen und Strand haben unmittelbar Anteil an der Arbeit, die das Meer verrichtet und können ihr Aussehen in kürzester Zeit verändern.
Das fotografische Abbild birgt Spuren vergangenen Lichts, das einst auf die Dinge fiel. Winfried Melzer geht den stummen Botschaften der Natur nach, die er in der Landschaft fand: Wind, Wasser und Licht sind Griffel, die sich in ihr abdrücken und sie verändern. In ihnen liest der Künstler mit der Kamera durch sorgfältige Auswahl, dabei aber in ganz eigener Sicht ihn faszinierende Motive auf dem Darß, Rügen und Hiddensee.
Das Gesicht dieser Landschaft ist wie kein anderes geprägt von dynamischen Umgestaltungen der Elemente. Sie sind ein Spiegel des Wandels der Welt in der Zeit.

Heinz Weißflog


Texte zu Südlichen Landschaften

zur Ausstellungseröffnung Winfried Melzer –»Arkadien«
Galerie Falkenbrunnen Dresden, September 2006

Arkadien ist eine unfruchtbare, von Schluchten durchzogene, von rauhen Winden und großer Sommerhitze gepeinigte, unwirtliche Landschaft im Zentrum des Peloponnes; die Menschen waren immer arm, das Land vermochte seine Bewohner kaum zu ernähren. Weshalb viele Menschen in andere Regionen Griechenlands zogen, Männer sich als Söldner verdingen mussten, die Hirten im Jahreslauf mit dem Wachsen des Grases von Süden nach Norden zogen. Ein klassisches Auswanderungsland, würde man heute urteilen. Ein Hirtenland ist Arkadien bis heute geblieben. Und wir wollen dorthin seit 400 Jahren. … Ein Landschaftsbild des Guercino (um 1620): zwei Schäfer, ermattet von ihren täglichen Wegen und von der dauernden Sorge um die Schafe, nähern sich neugierig einem aus Ziegelsteinen gemauerten Sockel, einem fremdartigen Bauwerk in dieser ursprünglichen Landschaft, offenbar ein Grabmal, darauf liegt ein Totenkopf, und wir lesen eine lateinische Inschrift »et in arcadia ego«. »Und in Arkadien bin ich. – Ich bin in Arkadien?« … »Und ich (der Tod) bin in Arkadien«. Das bedeutet die Vertreibung aus dem Paradies, ein schwerer Abschied aus unserer geliebten Vorstellung vom seeligen Niemandsland Arkadien wird angemahnt. Was nichts anderes heißen kann: auch hier keine Glücksunendlichkeit, selbst im Land des Pan und der Schäfer ist der Mensch sterblich und muss in Armut leben. … Die Sehnsucht nach Arkadien hält unvermindert an, die Warnung des Schädels ist bis heute wirkungslos. Wir vertrauen lieber Pan und seiner Flöte. Immer wieder fahren wir nach Südfrankreich, Italien, Griechenland. …
Stellen wir uns Arkadien wieder als Idylle vor, also ein, so Goethe »seeliges Niemandsland der Zärtlichkeit«. Nehmen wir ihm beim Wort, dann ist Arkadien eine Vorstellung vom einfachen, guten Leben, dass Herrschaftsgebiet des Pan und seiner Musik und es steht für uns seit jeher im Gegensatz zum Manirierten und Gekünstelten. … Wir entdecken das Land in einer Gruppe sich unterhaltender Männer, ihre Sprache wird vernehmbar, wenn wir ihre Gestik betrachten, ein allegorisches Bild der italienischen Sprache. Die karge Landschaft auf Kreta: wo ist ein Pinienhain, der uns vor unbändiger Hitze schützt und Schäfer und Schäferin den Platz ihrer Liebe schenkt? Das Meer, die Schönheit der Farbe – die Südsee in Griechenland. Wie mühsam diese kretischen Hügel sind in ihrer Hitze. Arkadien strengt an. …
Wenn wir die Fotografien von Winfried Melzer betrachten, machen wir eine Reise in das Arkadien des Fotografen. Den Bildern fehlen die klassischen Staffagen. Und so fällt es uns nicht schwer, die Bilder für uns zu beanspruchen und für uns zu verwenden. Unsere persönlichen Bilder von Arkadien dürfen in diesen Fotografien ihren Platz haben; ihre Leerstellen laden uns ein, auf Entdeckungsreise zu gehen, es macht Spaß, in ihnen herumzustreifen und sich vertraut zu fühlen. Ungeachtet ihres wohlkomponierten Realismus, tragen die Fotografien durch ihre lässige Selbstverständlichkeit die Erlebnisse des Fotografen in sich und nehmen die des Betrachters in sich auf.
Die Fotografien von Winfried Melzer rauben uns einerseits nicht unsere Vorstellung von Idyllen und Zauber. Sie erlösen uns andererseits auch nicht aus unserem Traum mit einem Bilddokument eines real existierenden Arkadien.
Christian Pixis
Galerie Pixis, München

zur Ausstellungseröffnung Winfried Melzer – »Arkadien«
Galerie Studio im Hochhaus, Berlin, 26.10.2007

Die Landschaft ist eines der ältesten Themen der bildenden Kunst. Doch die dem Menschen unterworfene Natur hat sich von Grund auf verändert, folglich auch der Blick der Künstler und Betrachter.
Bei Melzer hat man den Eindruck, er möchte bewahren, was uns abhanden zu kommen droht. Er eröffnet uns Landschaft als monumentalen Gedächtnisraum, in dem er z.B. in den ruinösen Spuren der Vergangenheit an die Genesis und Blütezeit von Hellas erinnert. Ihm geht es nicht nur um die Beschreibung der Örtlichkeiten, sondern ebenso um ihren Genius loci, um die Geschichten, die an sie gebunden sind. Wie Puzzle-Steine setzt er Natur und Kultur in ein Bild von Welt, das Gestern und Heute miteinander verschwistert. Landschaft als Topographie der Erinnerung ist kulturell gedeuteter Raum und bedeutsam als Projektionsraum von Sinnstiftungen kollektiver Selbstvergewisserung. Fragen, die die soziale Herstellung des Raumes betreffen und die über die Gleichung von Geographie und Identität hinausführen, erhalten unter diesen Umständen Aktualität. Aber Winfried Melzer beantwortet sie nicht bzw. überlässt die Beantwortung dem Betrachter, der von der puren Schönheit der Landschaft in die Deutung der historischen Kontexte hinabsteigen muss, sofern er dazu in der Lage ist …
Viele der Fotografien Winfried Melzers legen einen klaren Fokus und suggerieren doch immer unendliche Weite und Tiefe. Dabei fällt auf: Melzers Bilder stellen das Auge des Fotografen und den Moment der Stille in den Mittelpunkt der Aufnahme …
Mit sicherem Formgespür findet Melzer szenisch ebenso einfache wie klare Korrespondenzen zum suggestiven Gefühlspathos. Seine Bilder sprechen von den wunderbaren Schätzen, die Pinienwald und Hügelhänge spenden, von schweifenden Brisen, die uns mit dem Duft von wildwachsendem Lorbeer, Oregano, Thymian und Harz besuchen, vom Gekräusel rauschender Wellen. Ein Gefühl, daß dies ein idyllisches Glück sei, kommt über uns.
Zumindest erscheint uns Winfried Melzer als einer, der das Glück hat, Stunden seines Daseins mit einem unaufhörlichen Ruhebedürfnis in Einklang bringen zu können. Wir sehen die Welt durch Trockenmauern und jahrhundertealte Sabinas, sog. Sadebäume. Antike Säulen und Villenfresken umzaubern den Betrachter. Die Stille jedes Landschaftssegments gewinnt dabei eine bannende Intensität ….
Statt bukolischer Poesie, fixiert Winfried Melzer Ikonen von Landschaften, entrückte, herrschaftsfreie, von Machtmissbrauch unbeeinträchtigte Orte.
Im Rückgriff auf die Idylle schwingt dabei etwas von der sentimentalen Erregung mit, etwas von der unausrottbaren Sehnsucht nach einem gültigen Bild von der Landschaft als "Instrument" der Annäherung von Mensch und Natur, als Stufe utopischer Rückeroberung der Einheit Natur/Mensch und Natur/Landschaft.
Christoph Tannert
Kunstwissenschaftler, Berlin


Texte zu Körperbildern

Die menschliche – weibliche wie männliche – Figur ist seit Langem einer der Pole im Schaffen des Dresdner Fotografen Winfried Melzer. Bis heute ist ein vielgestaltiger Komplex von Körperbildern entstanden – Akte, vom Akt abgeleitete Fragmente, inszenierte Kompositionen. Die Akte Melzers verlassen die Form des Konventionellen. Es geht ihm nicht um »einfache« Abbilder, die auf ihre Art Sehnsüchten nach Jugend, Liebe, Schönheit Ausdruck verleihen und zugleich Unbeschwertheit, Selbstbewusstsein und jugendliche Kraft verkörpern. Und auch wenn seine Modelle diesem Kriterium durchaus genügen, Melzers Augenmerk richtet sich nicht vorrangig auf die Ablichtung von deren Vollkommenheit. Ein Blick auf die vorwiegend Schwarz-Weiß gehaltenen Bilder des Dresdners verrät einen eher konzeptuellen Ansatz, mit dem er auf das existenzielle Eingebundensein in gesellschaftliche Verhältnisse wie auch persönliche Beziehungsgeflechte zielt. Mal blickt er voller Ernst auf das Weibliche beziehungsweise die Beziehung der Geschlechter, dann wieder mit Ironie und nicht ohne Doppeldeutigkeit. Vieles teilt sich dem Betrachter mit, auch wenn es unsichtbar bleibt.
Genannt sei sein skulptural wirkendes »Ungleiches Paar«. Obwohl man keine Gesichter, ja nicht einmal den gesamten Körper sieht, man kann die zwischen beiden existierende Spannung spüren. Melzer thematisiert in dieser Arbeit das Geben und Nehmen in Beziehungen. Andernorts variiert er die Story »Die Schöne und das Tier/Biest«. Er dreht die Geschichte um. Seine Bildfolge nennt er bezeichnenderweise »Der Schöne und das Biest«. Außer, dass er sie damit ironisiert, visualisiert er zugleich die Infragestellung der tradierten Geschlechterrollen in unserer Zeit. Beides – die Schönheit und die Rollenverteilung – ist relativ im Zeitalter des »Alles ist möglich«, in dem auch die (freilich nicht ungehinderte) Emanzipation der Geschlechter zur Realität wird. Dies konstatierend, leugnet Melzer zugleich seine männliche Perspektive nicht. Und die scheint allerdings nicht gerade komfortabel zu sein. Stärke ist nicht nur männlich wie Schutzbedürftigkeit nicht immer weiblich besetzt ist, scheint seine Interpretation der Geschichte zu erzählen und auch, dass Man(n) darunter leiden kann.
Mit solche Ansätzen setzt sich Winfried Melzer auch vom verbreiteten Hang zum Sexistischen ab, der in den letzten Jahren immer mehr in der künstlerischen Fotografie Raum greift. Nackte Schöne in Highheels, wie sie für Helmut Newton typisch sind, nimmt Melzer wohl nur dann auf (»Anja«, 1997), wenn er damit ein inhaltliches, in der Folge deutlich erkennbares Anliegen verbindet. Allerdings, wenn es ihm auch nicht um sexistische Aufladung geht, Erotisches ist durchaus gewollt. Das zeigt besonders eine Serie mehrheitlich vom Körper inspirierter, fragmentarischer Aufnahmen, die häufig voller anregender Symbolkraft stecken: Ineinander liegende Schenkel, das Paar ahnbar, weiter ein Po, unter dem eine Hand hindurch winkt (»Ausverkauf«) beziehungsweise ein anderer mit »Schwanenfeder« – sie alle werden zum autonomen Bild, ja zum erotisierten »Stillleben«. Gleiches gilt erst recht für aufragende »Kettenglieder« mit übergezogenem Präservativ, die auf ihre Art die Phantasie beleben. Solches mag vielleicht immer noch diesen oder jenen irritieren, hat aber nichts mit jenen gewollten Tabubrüchen und Grenzüberschreitungen Richtung Pornografie zu tun, die viele Fotokünstler seit den 70er/80er Jahren suchten.
Spielerisch nutzt Melzer zur Verfügung stehende Mittel der Bildbearbeitung mit dem Ziel, einzelne Formen zu verselbständigen und ihnen damit eine besondere Ausstrahlung zu verleihen. Selten retuschiert er, selten benutzt er eine Montage oder Collage. Der Digitalisierung bedient er sich vor allem um die Farbe der Bilder und ihre Schärfe zu steuern, oder auch um etwas »verschwinden« zu lassen. Oft erhalten die Bilder in der Folge einen surrealen Zug. Das Entscheidende für den Fotografen Winfried Melzer aber bleibt das Vor-Bild, der reale Körper. Diesen, beziehungsweise seine Details ins rechte Licht zu rücken, was zugleich heißen kann, etwas auszublenden, sowie eine überzeugende Komposition zu finden, sind auch in diesem Fall für die Bildwerdung die entscheidenden Voraussetzungen.
Ingrid Koch
Freie Autorin, Dresden

Texte zu Künstlerporträts

Die Künstlerporträts von Winfried Melzer gehören zu den psychologisch einfühlsamen Bildern der vergangenen Jahre. Mit Konsequenz und Akribie hat er seine Serie zusammengetragen und Wesentliches über die jeweilige Künstlerpersönlichkeit ausgesagt. Die meisten seiner »Modelle« sind dem unmittelbaren Umfeld zuzuordnen: Sachsen. Das mag eine Mentalitätsfrage sein, kann aber auch mit Vertrautheit und besonderer Kenntnis der Kunstszene dort zusammenhängen.
Melzers Art der konzeptuellen Fotografie mit künstlerischem Anspruch hat einen besonderen dialogischen Charakter. Er hat damit die Künstler unter anderen zu neuartigen (Selbst-)Porträts inspiriert. Der Fotograf geht energisch immer wieder auf Subjekt-Objekt-Differenzen ein, versucht nicht, sie zu glätten, sondern in Akzeptanz des jeweils anderen sie aufgehen zu lassen, er klärt auf über Zustände und Befindlichkeiten. Das Persönliche löst sich dabei nicht im Typischen auf.
Für seine Art des Doppel- bzw. Mehrfachporträts ist der bestimmende Faktor nicht die Destruktion des Bildes, sondern seine Ergänzungen durch Formen. Es ergeben sich dabei fotografisch-künstlerische Statements. Eng damit verbunden sind Fragen nach dem künstlerischen Sein, nach der Subjektverfremdung durch Fotografie und nach Dopplungen von Figuren. Das Interesse von Winfried Melzer an der Fotografie spiegelt such auch in einer Art Montageprinzip, das den direkten Blich auf die Bilder verstellt, um ihn dann um so nachhaltiger zu ermöglichen.
Seit den 70er Jahren hat Winfried Melzer seine Arbeit mit inszenierten Bildfolgen intensiviert; Der zu Porträtierende, zunächst mit den Augen des regieführenden Fotografen gesehen, wird sich später zu diesem fotografischen »Abbild« verhalten, es bearbeiten, es möglicherweise in eine Art Widerspruch verwickeln Zum Vorschein kommt das Selbst – von der Realität geformt – und sein Verhältnis zum Anderen: Kommunikationsfähigkeit, Selbstverliebtheit, Analyseabsicht, Identitätsverhalten. Solche Aktionen innerhalb des Leens bleiben als Resultate, auch wenn die körperliche Erscheinung in der Wirklichkeit längst nicht mehr vorhanden ist. Die weiterführende Idee, Porträt und Selbstporträt in Korrespondenz treten zu lassen, würde zu unspektakulären Lebensprotokollen führen, wenn auch nur innerhalb eines kurzen Zeitraumes.
Winfried Melzers offener Umgang mit dem Medium Fotografie zeugen von Interesse an der Auslotung der Möglichkeiten dieses Mediums als künstlerische Darstellungsform und zugleich auch vom Wissen seiner Eigenheiten. Der Weg zu einer eigenen Bildsprache war dabei kompliziert, die Zeitläufe verworren. Die Aufnahmen zeichnen sich dadurch aus, dass sie das Wesen des Künstlers bzw. seiner Arbeit erfassen. Dabei bleibt auch das Selbstwertgefühl nicht unbeachtet. Im Zentrum steht aber die Subjektivität des Gegenüber aus einem Blickwinkel des Fotografen, der durch genaue Analysen sich um ein objektives Bild bemüht.
Gabriele Muschter, Berlin
Kunsthistorikerin